Lecker, lecker Heuschrecken!

Ein Artikel von Wolfgang Payer

Wie immer bin ich -wenn ich mich in Thailand befinde- natürlich nicht nur an Land und Leuten interessiert sondern ganz besonders hat es mir die thailändische Küche angetan. Dass diese ja weltberühmt ist und sich allgemein sehr großer Beliebtheit erfreut hat sich selbst in die entlegendsten Ecken herumgesprochen und darüber brauchen wir an dieser Stelle auch nicht zu reden. Worüber ich heute schreiben möchte sind aber diese speziellen Speisen, die uns Mitteleuropäern -schon beim Anblick- eine Gänsehaut bescheren.
So ziemlich jeder Thailand-Tourist hat sie schon einmal gesehen. Im Seebad Pattaya gehören sie schon seit vielen Jahren zum alltäglichen Straßenbild. Gemeint sind die Straßenstände und Garküchen, wo es die etwas untypischen thailändischen Leckereien wie gegrillte Heuschrecken und Raupen oder die großen schwarzen Käfer und madenartigen Würmer (bereits essfertig) zu kaufen gibt.
Als Tourist bleibt es nicht aus, an solch einem Stand stehen zu bleiben und sich das ganze Viechzeug mal genauer anzusehen. Da dies wohl so ziemlich jeder tut, und auch noch gerne ein Erinnerungsfoto für die ungläubige daheim gebliebene Verwandtschaft knipst, haben die gewieften Verkäufer nebenbei noch eine kleine Marktlücke entdeckt. "Take Photo 10 Baht" kann man auf den Schildern lesen, die dort an den Ständen hängen. Und das Geschäft boomt.

Dass nun diese Insekten-Fressstände eine gewisse Faszination auslösen, kann auch ich nicht bestreiten, denn wann sieht man schon mal lebensecht solch ungewöhnliche und exotische "Leckereien". Und so kam es, dass ich vor vielen Jahren, auch wie magnetisiert an solch einem Verkaufsstand in Pattaya stehen blieb und mir ungläubig die Leute betrachtete, die dort ihre tägliche Proteinration einkauften und noch meist vor Ort genüsslich verspeisten. Wenn ich mein Gefühl beschreiben sollte das mich damals überkam, dann war es irgendwie eine Mischung aus Faszination und Ekel zugleich. Irgendwie scheint das auch mein Gesichtsausdruck verraten zu haben denn ich wurde von mehreren Seiten von den dort vorbeilaufenden Thai belächelt. Eine junge Thai kam herbei und bestellte eine Portion frittierte Heuschrecken (Thai: Dtack-a-dtän tord). Die Verkäuferin öffnete den Deckel einer großen Plastiktonne die neben ihr stand, griff hinein und holte zweimal eine große Handvoll der noch lebenden Riesenheuschrecken heraus und warf sie in das siedende Fett der Riesenbratpfanne. Es erinnerte mich irgendwie an die übliche Zubereitung von Pommes-Frites. Fasziniert blieb ich stehen und beobachtete, wie die Heuschrecken innerhalb einer Sekunde erstarrten und binnen ein bis zwei Minuten gar gebrutzelt wurden. Anschließend wurden sie in eine Plastikschale geschüttet und mit diversen Gewürzen (einem Gemisch aus Pfeffer, Salz und Chilipulver) versehen. -Fertig-!

Nun stand sie da so vor mir, hatte ihre Heuschrecken in einer kleinen Plastiktüte und begann dann, eine nach der anderen heraus zu nehmen und genüsslich zu verspeisen. Dabei riss sie zuerst die Beinchen ab und knabberte dann den winzigen Oberschenkel ab. Der Unterschenkel besteht aus den harten Widerhaken, die nicht unbedingt zum Verzehr geeignet sind. Dann nahm sie den restlichen Teil des Körpers und drehte geschickt den Kopf heraus. Es erinnerte mich irgendwie an das auspuhlen von kleinen Krabben, die ich des öfteren an der Nordsee gegessen habe. Wenn man es -so wie sie- geschickt anstellt, dann bleibt dabei der lange Darm des Insekts am Kopf hängen und übrig bleibt der Körper, der dann so ähnlich hohl ist wie eine Makkaroni-Nudel. Der Kopf mit Innenleben wird entsorgt und verspeist wird nur der Rumpf. Einige ganz Hartgesottene essen sogar alles komplett. Sie sah nun meinen ungläubigen Blick und griff erneut in ihre Tüte und hielt mir so ein Teil vor die Nase mit der Bitte doch mal zu kosten. Wild gestikulierend und mit einem mehrfachen "No, No, No" gab ich ihr zu verstehen, dass ich es lieber bleiben lassen werde. Doch sie ließ nicht locker. Sie brach also ein Beinchen vom Rumpf ab, hielt es mir vor den Mund und sagte mir, dass ich es erstmal probieren sollte, bevor ich ein Urteil dazu abgeben könnte. Also gab ich mich nach einiger Zeit und mehreren überredungsversuchen geschlagen. Getreu nach dem Motto: "Was uns nicht umbringt macht uns nur härter" bis ich zögernd in das knackige Beinchen hinein und..........zu meinem Erstauen muss ich gestehen, erinnerte mich der Geschmack irgendwie an den von würzigen, knusprigen Kartoffelchips. Also durchaus nicht unangenehm. Nach dem ersten Beinchen folge das zweite und als ich anfing Geschmack daran zu finden wagte ich es auch den Rest des Körpers zu verzehren. Die Verkäuferin lachte von ganzem Herzen und bot mir sogleich an, eine Portion (damals noch 30 Baht, inzwischen locker das doppelte) zu kaufen, was ich dann auch tat. Ich muss gestehen, dass ich es nicht deshalb tat, weil die Viecher so wahnsinnig gut schmeckten, sondern eher um die erstaunten Gesichter derjenigen Touristen zu sehen, die mich beim Essen beobachteten. Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, ging ich mit meiner "Knabbertüte" an eine offene Bierbar wo viele Farangs saßen, bestellte mir einen Mekhong-Coke und versuchte nun die Dinger gekonnt auseinander zu nehmen (was anfangs nicht ganz einfach war) und sie genussvoll zu vertilgen. Und wie auch schon vermutet und erhofft, blieb dies nicht unbemerkt und ich hatte die Lacher und zum Teil auch die Bewunderung der Leute auf meiner Seite. Von den Heuschrecken blieb aber für mich nicht viel übrig, denn so einige Nachahmer fühlten sich nun animiert es auch mal zu versuchen und so verteilte ich großzügig.
Nun war der Bann erstmal gebrochen und so schlimm wie ich es mir vorgestellt hatte war es nun wirklich nicht. Ganz im Gegenteil. Es folgten noch viele andere Tage wo ich mich aufmachte um mir eine Portion Heuschrecken zu besorgen und das ging dann solange, bis ich es über hatte und mir die Dinger zum Hals raushängten.
Eines Tages kam dann mein Freund Gerd (vom Jade-House Berlin in Pattaya) mit den riesengroßen schwarzen Käfern (Thai: Mengda) an, die wie die dortigen Kakerlaken (Thai: Mähng-Saab) aussehen und meinte, dass ich doch diese auch mal probieren sollte. Genüsslich führte er mir vor, wie man die Dinger verspeist. Er drückte mir einen davon in die Hand und ich muss sagen, dass der Geruch echt total abtörnend war. Stank irgendwie nach stark parfümierter Kloake. Eine Thai belehrte mich jedoch eines Besseren und sagte mir, dass diese nicht stinken sondern gut riechen würden. Na ja, bei dem thailändischen Stinkefisch (Thai: Pla-Lah) scheiden sich ja auch die Geister. Sie ergänzte auch noch, dass besonders die weiblichen Käfer gut schmecken würden, da diese zum Teil Eier in sich tragen und das dann der absolute Hochgenuss wäre, wenn man diese rauslutschen würde. Brrrrrr, ein Schauer lief mir über den Rücken aber ich wollte mir nun auch keine Blöße geben, also probierte ich. Ich brach die sechs Beine eins nach dem anderen ab und lutschte das Muskelfleisch heraus. Dann riss ich die Panzerschale auf und lutschte die glibberigen Eier heraus. Das Aussehen der Eier erinnerte mich irgendwie an Kaviar und genau das war es, was ich mir versuchte einzureden, als ich nun die Mengda-Eier lutschte. Sonst hätte ich die Dinger wahrscheinlich nie runter bekommen. Einige Freunde und auch Thais standen um mich herum und amüsierten sich köstlich, weil sie mir ansahen wie sehr ich mich ekelte. Aber wie schon gesagt. Man muss es probieren um es beurteilen zu können. Na ja, die Dinger waren echt gewöhnungsbedürftig. Die werden bestimmt nicht zu den Favoriten meiner thailändischen Leibgerichte zählen. Aber egal! Es war eine Erfahrung. Die Maden und Raupen zu probieren hab ich mir bisher verkniffen aber irgendwann werd ich mir die auch noch mal vornehmen.

Zu einem späteren Zeitpunkt machten dann mein Freund Gerd und ich uns zu einer Motorradtour durch Thailand auf, wo wir uns insbesondere den Nordosten von Thailand (den Isaan) als Reiseroute vorgenommen hatten. In der Nähe von Sahkon Nakorn (ca. 700 km nordöstlich von Bangkok) waren wir gezwungen uns in der totalen Einöde und abseits von jeglichem Tourismus eine Bleibe für die Nacht zu suchen. Jegliche Weiterfahrt mit den Maschinen im Dunkeln wäre bei den dortigen Straßenverhältnissen ein extremes Risiko gewesen. So verschlug es uns in ein kleines einfaches Dorf an einem wunderschönen Stausee, wo ein paar kleine Holzhütten standen. Zum Glück sprechen wir beide die Landessprache und so war es kein Problem mit der Landbevölkerung in Kontakt zu kommen. Eine nette Thai(groß)familie (4 Generationen unter einem Dach), die wir dort kennen gelernt hatten, bot uns eine Unterkunft für die Nacht an, da es dort weit und breit kein Hotel o. ä. gab. Da der dortige Nachbar sich zum damaligen Zeitpunkt für längere Zeit in Bangkok aufhielt wurde uns kurzerhand seine Holzhütte überlassen. Die Bauweise dieser Hütte war echt originell. Die Wände bestanden aus Bambusgeflechten die mit leeren Zementsäcken verkleidet waren. Es gab kein Licht und keinerlei Mobiliar. Kurzerhand wurde uns eine Petroleumlampe und dünne Schaumstoffunterlagen herbei gebracht und jeweils ein Bettlaken zum zudecken.
Zum duschen mussten wir an einen etwas abgelegenen Brunnen in die Pampa gehen, wo wir uns mittenmang von grasenden Wasserbüffeln das Wasser Eimerweise heraufziehen mussten. Umständlich aber irgendwie total urig und vor allen Dingen witzig!

Tja, und nun kommen wir zum eigentlichen Thema.
Der Isaan ist ja bekanntlich das Armenhaus von Thailand, da die dortige Vegetation aufgrund der lang anhaltenden Trockenheit nicht sehr üppig ist und sich deshalb dort nicht so viele Obst- und Gemüseplantagen befinden wie im Norden oder Süden des Landes. Außer Reis wird dort nicht sehr viel angebaut. Die Bevölkerung ist dort auch nicht so sehr verwöhnt was die kulinarischen Genüsse betrifft. Die Landsleute dort sind vorwiegend Reisbauern und verdienen nicht sehr viel Geld. So mancher Arbeiter auf dem Reisfeld muss sich mit einem Tageslohn von 50 Baht (ca. 1,30 Euro) zufrieden geben. Der offizielle gesetzlich vorgeschriebene Mindestlohn für Arbeiter lag damals bei knapp 100 Baht (inzwischen knapp 150) aber das verdiente dort fast kaum einer. Wer Arbeit hatte war froh darüber und beschwerte sich nicht.
Demzufolge mussten die Menschen dort eben etwas mehr improvisieren wenn sie nicht genug Geld besaßen um sich Lebensmittel auf dem Markt kaufen zu können. Und so kamen damals -und auch noch heute- Speisen auf den Tisch, die bei uns nicht auf den üblichen Speisenkarten zu finden sind. Dazu zählen u. a. Schlangen, Ratten, Hunde und sämtliche Arten von Insekten (Käfer, Maden, Raupen, Heuschrecken usw.)
Nun waren Gerd und ich ja Gast bei dieser besagten netten Familie. Wir sahen, wie sich nach Sonnenuntergang die Söhne der Familie mit einer Schrotflinte und einem Helm mit integrierter Taschenlampe -der so aussieht wie der eines Bergwerkarbeiters- auf den Weg machten um Essen zu besorgen. Nun dachten wir, die würden losgehen um Hasen o. ä. zu schießen, aber tatsächlich kamen sie mit einigen toten Ratten wieder. Während die Frauen noch mit den Essenvorbereitungen beschäftigt waren durften die Kinder mit den toten Ratten erst einmal spielen. Sie banden eine lange Schnur an den Rattenschwanz und schleiften die toten Viecher so eine Weile erstmal durch die Gegend (so wie bei uns die Spielzeug-Autos) bis dann die Mama rief und sie die Ratten abgeben mussten damit diese zu Essen verarbeitet werden konnten. Gerd und ich guckten uns beide ganz ungläubig an und wir beschlossen vorsichtshalber noch schnell zum etwas außerhalb gelegenen Markt zu fahren um lieber noch einige für uns "genießbare" Lebensmittel zu besorgen. Da wir die Gastfreundschaft dieser armen Leute ja auch nicht überstrapazieren wollten, kauften wir also großzügig für die ganze Familie Lebensmittel und Getränke ein die wir dann von ihnen zubereiten ließen. Unsere Ankunft im Dorf hatte sich natürlich innerhalb kürzester Zeit herumgesprochen (schließlich waren wir dort die ersten Farangs) und so wurden wir natürlich von allen Dorfbewohnern skeptisch beäugt.
Beim Abendessen dann wurde uns als Vorspeise erstmal eine Schale mit noch lebenden kleinen Süßwasserkrabben -verfeinert mit Gewürzen und Zitronensaft- gereicht, in denen auch noch kleine weiße Käfer herumkrabbeln. Das schier unglaubliche daran war, dass die Krabben, auch Springkrabben (Thai: Gung-Dtenn) genannt, einem aus der Schüssel -bzw. vom Löffel- hüpften. Beim Essen muss man sich also beeilen, sonst hauen die Viecher im wahrsten Sinne des Wortes ab! Um die Thaifamilie nun nicht vor den Kopf zu stoßen, verfuhren Gerd und ich nach der Devise: "Augen zu und durch!" Gut kauen war angesagt, damit einem die Dingen nicht noch im Magen herumhüpfen. Um eventuell überlebende dann endgültig abzutöten haben wir dann ordentlich mit dem dortigen Isaan-Nationalgetränk -einem hochprozentigen weißen Schnaps der fast blind macht- (Thai: Lao-Kao) nachgespült. Den Verzehr des scharf zubereiteten Rattenfleisches haben wir uns dann aber erspart. Wir hielten uns für den Rest des Abends an die altbekannten Thaigerichte wie Tom-Yam und Kao-Patt.
Die Erfahrung mit den lebenden Krabben und Käfern war uns erstmal genug!

Am nächsten Morgen wurden wir früh wach, da es um uns herum schon sehr lebhaft war. Reisbauern sind nun mal Frühaufsteher und so geht das Leben dort schon in aller Herrgottsfrühe (noch vor Sonnenaufgang) los. Somit war es auch mir unserer Nachtruhe vorbei. Was soll’s! Wir beschlossen deshalb, vor unserer Weiterfahrt uns mal die Umgebung etwas genauer anzuschauen und fuhren mit unseren Motorrädern auf einen großen Wochenmarkt. Nun waren Gerd und ich schon auf zahlreichen Märkten in Thailand, aber was wir da sahen und erlebten war auch neu für uns (von den gebratenen Hunden und gegrillten Ratten mal ganz abgesehen). Wir wurden von den Leuten angesehen, als wären wir Außerirdische von einem anderen Stern. Natürlich waren wir beide sofort Marktgespräch. Und als wir dann mit ihnen in ihrer eigenen Sprache kommunizierten war auf dem Markt der Teufel los. Nur wenige dieser Leute hatte bisher Kontakt mit Farangs und so waren sie natürlich alle sehr wissbegierig und löcherten uns mit allen möglichen Fragen. Nach einiger Zeit mussten wir uns echt losreißen, sonst stünden wir heute noch da und müssten von Deutschland und unseren Gebräuchen erzählen.

Als wir dann am Nachmittag ins Dorf zurückkamen und uns für die Weiterfahrt rüsten wollten, sagte uns die Hauspatronin, dass zu unserer Begrüßung für den Abend ein Dorffest organisiert wäre und wir unsere Weiterfahrt doch verschieben sollten. Nun sind Gerd und ich ja flexibel und so ließen wir uns überreden noch einen Tag zu bleiben. Um auch unseren Beitrag dazu zu leisten kümmerten wir uns um den Getränkevorrat (Bier und jede Menge Lao-Kao).
Zum Sonnenuntergang war dann alles vor dem Haus versammelt was Beine hatte und alle Dorfbewohner (ca. 40-50) incl. Bürgermeister gaben sich die Ehre. So schnell wie das Bier getrunken wurde konnten wir es kaum herankarren lassen.
Wie nicht anders zu erwarten, gab es auch reichhaltig zu essen und damit nicht alles zu Lasten unserer Gastfamilie fiel, organisierten die Dorfbewohner es so, dass jeder seinen Beitrag dazu leistete und von zuhause mitbrachte was aufzufinden war.
Alles in allem ein gelungener Abend wie ihn in Thailand nur wenige Touristen erleben dürfen. Wir waren sehr froh darüber in diesem kleinem Dörfchen namens "Suan Sawann" (übersetzt: Paradiesgarten) hängen geblieben zu sein, denn wir fühlten uns wirklich wie im Paradies. Die Natur (insbesondere der Stausee und der dort angrenzende Nationalpark) war von einer atemberaubenden Schönheit und die Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen war einfach einzigartig. Letztendlich gefiel es uns dort so gut, dass wir sogar drei Tage blieben und dieser Besuch zwar der erste aber nicht der letzte war. Noch viele male hat es uns später dorthin verschlagen und noch immer nutzen wir die Gelegenheit, dorthin einen Abstecher zu machen, wenn es die Zeit erlaubt.

Nun wieder zurück zu unseren exotischen Speisen.
Bei einem späteren Thailandaufenthalt, den ich zum Teil gemeinsam mit Anong -der damaligen Besitzerin der Joy-Diskothek- verbrachte, besuchten wir gemeinsam ihre Familie in Nong-Khai (Isaan). Ich erzählte ihr von meinen Erlebnissen bei der oben beschriebenen Thaifamilie und dass ich nun auch bereit wäre mal zu probieren wie Hundefleisch schmeckt.
Als Anmerkung mal dazu: Der Verzehr von Hunden ist übrigens nicht nur in asiatischen Ländern üblich. Selbst in Deutschland gibt es noch kleinere Provinzen, wo einige wenige (meist alte Menschen) Hunde- und Katzenfleisch essen bzw. zu Medizin oder Seife verarbeiten. In meiner Kindheit lebte ich im süddeutschen Raum. Es gibt dort einen Nachbarort (Schloßberg, Krs. Aalen) wo die alten Einwohner als Hunde- und Katzenfresser verschrien waren. Als mein Schäferhund damals von einem Auto angefahren wurde und starb kamen die "Schloßberger" und holten ihn ab. -So viel mal dazu-!

Zurück zum Thema:
Kaum hatte ich Anong gegenüber also meinen Wunsch ausgesprochen, setzten wir uns in Begleitung einiger ihrer Familienmitglieder ins Auto und schon ging es los. Nein, nicht wie ich dachte zum nächsten Markt sondern in ein relativ weit entferntes Spezialitätenrestaurant wo es speziell nur Hundefleisch in allen verschiedenen Variationen auf der Speisekarte gibt. So wie man es beim Chinesen von den Peking-Enten her kennt hingen die Hunde im ganzen Stück in der Auslage. Der Anblick war nicht gerade sehr einladend aber wie schon gesagt, nun hatte ich mich also entschlossen und wollte es auch durchziehen. Vorher vergewisserte ich mich aber noch, dass es sich bei den dort angebotenen Hunden nicht um irgendwelche räudigen, verwahrlosten und verseuchten Straßenköter handelt, die man in Thailand zu Hunderten -zum Teil überfahren- am Straßenrand sieht, sondern um eine eigene Züchtung. Ich machte also erstmal einen Rundgang über die Hundefarm, die sich auf der Rückseite des Restaurants befand. Und wären wir nicht diesen weiten Weg hierher gefahren hätte ich spätestens jetzt einen Rückzieher gemacht, als ich den Tieren in ihre (noch) lebendigen Augen sah. Was soll’s, dachte ich. Ein Schwein oder eine Kuh ist schließlich auch ein Tier und da ich ja kein Vegetarier bin kann ich auch mal Hundefleisch probieren. Allen Vorurteilen zum Trotz sei hierbei gesagt, dass Hundefleisch vom Geschmack her nicht als solches zu erkennen ist. Hätte man es mir als Rindfleisch verkauft so hätte ich es auch geglaubt. Soviel mal zum Geschmack. Nur die Fleischfarbe ist etwas dunkler.

Wo wir gerade von Vorurteilen sprechen:
Wir Mitteleuropäer denken häufig, dass wir die Weisheit mit Löffeln gefressen haben und alle anderen Menschen die sich von Hunden, Ratten, Insekten oder ähnlichem ernähren anormal seien.
Die Natur bietet eine enorme Auswahl an möglichen Nahrungsmitteln die aber für unsere Gaumen meist ungewohnt sind. Das heißt aber nicht, dass der Verzehr dieser als abartig oder anstößig anzusehen ist. Ernährungswissenschaftler weisen neuerdings des öfteren auf den hohen Proteingehalt von Insekten hin und selbst in Europa vermehren sich die Anzahl der Restaurants, die solche Speisen in ihrem Angebot haben.
Zu den Ratten die in Thailand gegessen werden sei folgendes gesagt.
Es handelt sich hier natürlich nicht um die landläufig bekannte Kanalratte wie sie in den Großstädten in der Kanalisation und in den Hauskellern anzutreffen ist. Diese sind Krankheitsüberträger und der Verzehr wäre extrem lebensgefährlich. Bei den zum Verzehr geeigneten "Feldratten" handelt es sich um eine Mäuseart, die sich -ähnlich wie bei uns Kaninchen- von Feldfrüchten (Reis, Mais, Pflanzen und Obst) ernähren. Sie leben nicht in der Kanalisation, sind auch keine Aasfresser sondern leben auf den Feldern und ernähren sich auch dementsprechend von der dortigen Vegetation. Darum ist der Verzehr auch unbedenklich! Einen Feldhasen würde man ja auch nicht als unsauberes Tier einstufen. Genauso verhält es sich mit den Feldratten.
Selbst die an den Straßenständen zum Kauf angebotenen Heuschrecken und anderen Insekten stammen inzwischen aus eigenen Züchtungen. Die Zeiten, wo man Heuschrecken die zu einer Plage wurden auf den Feldern mit riesen Netzen eingefangen hat sind längst vorbei.
1. hat die Nachfrage inzwischen so stark zugenommen dass man um den Bedarf zu decken diese eben nun züchten muss und
2. werden die von Landwirten gefürchteten Wanderheuschrecken inzwischen mit so vielen Pestiziden vergiftet, dass diese nicht mehr zum Verzehr geeignet wären.
Vor vielen Jahren als man die Heuschrecken noch tatsächlich einfing um sie zu verkaufen kam es leider auch zu diversen unangenehmen Folgekrankheiten z. T. auch mit unheilbaren Behinderungen die sich der Konsument mit dem Verzehr dieser Insekten einhandelte. Diese Zeiten sind aber glücklicherweise vorbei!

Trotz allem, gehört aber für uns Farangs eine Menge überwindung und Abenteuersinn dazu, um Hunde, Ratten oder Insekten zu essen.
Ein thailändischer Hochschullehrer mit dem ich mich unlängst über dieses Thema unterhielt sagte mir, dass wir Farangs umdenken müssten, und wesentlich aufgeschlossener gegenüber anderen Völkern, ihren Gebräuchen und ihren Essgewohnheiten werden sollten. Thailänder seien schließlich auch ganz normale Menschen und würden sich nicht in die Kategorie von irgendwelchen Müllverzehrern einordnen lassen nur weil sie Dinge essen, die wir Farangs nicht kennen oder bei uns bestenfalls als Tierfutter dienen. Er erwähnte, dass es ja auch nicht gerade sehr gesundheitsfördernd bzw. ästhetisch sei, wenn wir uns von Schweine- und Putenfleisch ernähren, welches mit unendlichen Mengen Antibiotika versetzt ist nur um die Tiere schneller künstlich fett und schlachtreif zu bekommen oder von Hühnern die in engen Käfigen eingepfercht ihr Dasein fristen und darauf warten schnell geschlachtet zu werden.
Recht hat er!

Wir Farangs leben eben noch immer nach dem alten Sprichwort:
"Was der Bauer nicht kennt das frisst er auch nicht"

Als ich mir vor vielen Jahren auf dem deutsch-französischen Volksfest in Berlin für saumäßig teures Geld das erste Mal in meinem Leben Weinbergschnecken bestellte war es zugegeben auch eine überwindung für mich diese zu essen. In meinen Gedanken sah ich immer die noch lebenden schleimigen Schnecken, wie sie auf einem Stein eine fette glibberige Schleimspur hinterlassen. Igitt!
Inzwischen macht es mir nichts mehr aus. Und viele Deutsche können sicherlich bestätigen, dass Schnecken in Knofibutter-Soße durchaus lecker schmecken. Warum also nicht auch mal Heuschrecken oder Käfer?

In diesem Sinne........

Guten Appetit!

 

© 2003, Wolfgang Payer

Wolfgang Payer betreibt in Pattaya eine Sprachschule, Kochschule und ein Apartmenthaus (nicht nur für seine Schüler). Hier findet ihr Infos zu seinen Deutsch-Sprachkursen (u.a. Start Deutsch 1, A1-Goethe-Test) sowie Thai- und Englischkurse für Deutschsprachige und Thais.

Dieser Beitrag erschien im Original bei www.Thaifrau.de