Vom Aschenputtel zur Asia-Queen

Ein Märchen von Wolfgang Payer

Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit in einer modernen Welt.
Ein alternder, wohlhabender Geschäftsmann (nennen wir ihn Krösus) lebte in einer großen, großen Stadt. Krösus hatte sich inzwischen so viele Schätze angehäuft, dass er es in seinem fortgeschrittenen Alter nicht mehr nötig hatte für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten. Deshalb entschied er sich, die Leitung seines gut gehenden Geschäftes an seine inzwischen erwachsenen Sprösslinge zu übergeben und sich selbst darauf zu beschränken, das Leben einfach zu genießen.
Die Tage, Wochen und Monate vergingen und Krösus bemerkte, dass er einsam war. Ohne seine Arbeit verspürte eine gewisse Leere in sich. Seine Frau hatte ihn schon vor langer Zeit verlassen, da Krösus nur damit beschäftigt war, sich Gold und Silber anzuhäufen und dabei ganz vergessen hatte, sich auch um seine Frau und ihre Bedürfnisse zu kümmern. Seine Kinder hatten sich inzwischen vermählt und das elterliche Haus verlassen. So war er nun also allein, einsam und traurig.
Die Einsamkeit veranlasste Krösus nun, sich auf den Weg in die weite Welt zu machen um Abwechslung in sein Leben zu bringen. Also packte er sein Bündel mit seinen nötigsten Habseligkeiten und begab sich auf die unbekannte lange Reise.

Sein Weg führte ihn in viele Länder. Er sah die größten Städte, die schönsten Strände, lernte interessante Menschen und fremde Kulturen kennen, aber seine Einsamkeit blieb. Denn mit wem sollte er sich denn an all diesen Dingen erfreuen? Es war niemand an seiner Seite, mit dem er die Freude hätte teilen können.
Auf seiner Reise um die Welt, führte sein Weg ihn auch in ein fernes asiatisches Land. Die Menschen dort waren so ganz anders als die, die er bisher kennen gelernt hatte. Sie waren -trotz ihrer Armut- so voller Lebenslust und unbeschwert, lächelten unentwegt und waren bemüht, möglichst wenig Zeit mit Arbeit zu vergeuden.
Irgendwie fühlte sich Krösus von der Mentalität der Menschen und ihrer Art zu leben angezogen. Weil es im dort so gut gefiel beschloss er, dort längere Zeit zu verbringen um noch mehr von diesem schönen Land und dem interessanten Völkchen zu erfahren.
Er selbst - der sich nie zu schade war hart zu arbeiten- erkannte nun, dass das Leben noch einen anderen Sinn hat und es auch Menschen gibt, die nur gerade soviel tun, um davon leben zu können. Da dort nun alles erheblich billiger als in seinem Heimatland war, konnte er sich mit seinem Reichtum noch viel mehr leisten. Er ließ sich ein großes Haus bauen, stellte sich Dienstpersonal ein, kaufte sich teuren Goldschmuck mit Edelsteinen, schaffte sich ein exklusives Gefährt an und lebte sein Leben so gut es ging. Doch die Einsamkeit wich nicht von seiner Seite.
Natürlich blieb sein Wohlstand auch den Einheimischen des Landes nicht verborgen und so war es unvermeidbar, dass er im Blickpunkt mancher Leute stand, unter anderem auch von einigen zwielichtigen Gestalten, die ihm seinen Besitz missgönnten. Es dauerte nicht lange und eines Nachts wurde sein Haus von Dieben heimgesucht, die ihn um einige seiner wertvollsten Besitztümer erleichterten. Nach dieser Erfahrung musste er sich dann noch zusätzlich Wachpersonal für seinen Besitz einstellen.

Eines schönen Tages, als er gerade damit beschäftigt war in einem der zahlreichen Geschäfte einzukaufen, stand nun ein hübsches Mädchen vor ihm, welches dort in den Diensten war. Ihr bescheidenes Auftreten und ihre ärmliche -aber saubere- Kleidung ließ ihn vermuten, dass sie ein schlichtes Mädchen aus einfachem Hause sein musste.
Ihre zarte Figur, die langen glatten schwarzen Haare, die hellbraune Haut und ihre hübschen mandelförmigen, dunklen Augen verzückten ihn sofort. Sie war so voller Anmut, so rein, frisch und jugendlich und konnte so wunderbar lächeln, dass Krösus wie magnetisiert von ihrem Anblick war. Fortan war es um Krösus geschehen. Keine Nacht mehr konnte er ruhig schlafen ohne nicht an diese göttliche, exotische Erscheinung denken zu müssen.
Immer wieder und wieder ging er nun dort einkaufen, nur um "seine Prinzessin" wieder sehen zu können. Er brachte in Erfahrung, dass ihr Name Thailina war und sie mit ihren zarten 18 Jahren damit beschäftigt war, das nötige Geld für den Lebensunterhalt ihrer armen Familie zu verdienen, welche in bescheidenen Verhältnissen auf dem Land lebte.
Um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen und ihr zu imponieren, kaufte er sich viele teure Dinge und schönes Geschmeide, welches er zwar nicht unbedingt brauchte aber genau die Wirkung erzielte, die Krösus sich erhoffte. Trotz seines großväterlichen Alters begann nun die jugendliche Thailina, sich für ihn zu interessieren und ihm schöne Augen zu machen. Natürlich blieb es nicht aus, dass er nun auch Gelegenheiten suchte, seine Thailina auch außerhalb der Geschäftszeiten zu sehen. Er war so sehr von ihr fasziniert, dass er ihr einen kleinen goldenen Ring mit einem funkelnden Diamanten schenkte. Thailina war nun tief beeindruckt von diesem großzügigen Gönner und konnte ihm deshalb fast nichts mehr abschlagen.
Bereitwillig ließ sie sich von ihm einladen und ausführen. Doch musste er ihr vorher erst standesgemäße Kleidung kaufen, damit sie in den gehobenen Kreisen -in denen er sich bewegte- nicht aus dem Rahmen fiel. Und so suchte sie sich mit Krösus die feinsten Stoffe aus, ließ sich die schicksten Kleider schneidern, bekam die dazu passenden Schuhe und Handtaschen sowie wertvolle diamantenbesetzte Arm- und Halsketten. Das Leben von Krösus schien nun wieder einen Sinn zu bekommen. Endlich hatte er jemanden gefunden, mit dem er sich des Lebens erfreuen konnte.
Es dauerte nicht lange, und Thailina bedauerte es, dass sie aufgrund ihrer Arbeit, jeden Tag so viele Stunden von Krösus getrennt war. Sie schilderte ihrem Liebsten ihr Leid und so ließ Krösus ihrem Arbeitgeber mitteilen, dass sie fortan nicht mehr in seinen Diensten stehen würde. Thailina war sehr froh darüber, denn schließlich empfand sie die Arbeit eh nur als ein notwendiges übel. Das Leben welches sie mit Krösus führte war wesentlich angenehmer. Da Thailina nun ausreichend Zeit hatte, ließ er sie eine Schule besuchen, wo sie seine Heimatsprache erlernte.
Ihre arme Familie konnte aber nicht auf ihren Lohn verzichten, den sie bisher größtenteils abführte, darum musste also Krösus als neuer Geldgeber und Ernährer einspringen - was für ihn aber kein Problem war. Um aber auch für seine Beziehung zu ihr, den Segen von Thailinas Eltern (die vom Alter her seine Kinder hätten sein können) zu erhalten, fielen seine monatlichen Zahlungen natürlich deutlich großzügiger aus, als das bescheidene Gehalt das Thailina durch ihre damalige Arbeit verdiente.

Nun hatten die beiden viel Zeit füreinander. Sie reisten im Land umher, residierten in den schönsten Häusern des Landes, speisten in den vornehmsten Lokalen und erfreuten sich des Lebens.
Das Krösus in Begleitung dieser um so vieles jüngeren Frau skeptisch beäugt wurde störte ihn nicht. Ganz im Gegenteil - er war sehr stolz auf seine hübsche und inzwischen auch vornehm ausschauende Partnerin. Er verwöhnte sie, wo er nur konnte.

Eines Tages erwägte er es, in sein Heimatland zurückzukehren, um einige finanzielle Dinge zu erledigen und um seinen Kinder die hübsche und auch so süße Thailina vorzustellen.
Lange hatte Krösus seine Sprösslinge nicht mehr gesehen und voller Stolz machte er sich mit seiner exotischen Schönheit auf die Reise in seine Heimat. Als nun seine Kinder die fremdländische und fast noch kindliche junge Frau sahen, waren sie voller Entrüstung über dieses so ungleiche Paar. Mit kritischen Worten gaben sie ihrem alten Herrn gegenüber ihren Unmut kund. Krösus ließ sich jedoch nicht beirren, sondern schilderte die Umstände, unter denen er dieses arme, bemitleidenswerte Mädchen kennen gelernt hatte. Er beschrieb das "Elend" welches sie erleiden musste und aus dem er sie befreit hatte. Je mehr Krösus redete umso größer wurde die Kluft, die sich zwischen seinen Kindern und ihm auftat. Entsetzen und Unverständnis machte sich auf beiden Seiten breit. Voller Neid blickten seine Kinder auf die Kleider und Juwelen, mit denen Thailina sich inzwischen schmückte.
Krösus schlussfolgerte nun, dass seine Sprösslinge undankbar wären, denn schließlich hatte er ihnen ja das große Geschäft zur Leitung übergeben, weswegen sie auch ein unbeschwertes Leben führen konnten. Bereits nach kurzer Zeit war er so erzürnt wegen der Anfeindungen ihm und seiner Partnerin gegenüber, dass er beschloss wieder abzureisen. Seinen undankbaren Kindern wollte er aber vorher noch einen Denkzettel verpassen. Kurzerhand enthob er sie ihrer Posten in seinem Geschäft und gab dieses zum Verkauf frei. Ein Käufer war bald gefunden der ihm auch einen ansehnliches Preis dafür bezahlte.
Mit den Taschen voller Geld kehrten beide nun wieder in das asiatische Traumland zurück.

Mit seinen Kindern hatte Krösus also gebrochen. Jetzt stand er ohne Familie da. Es blieb ihm nur noch seine asiatische Schönheit, die noch zu ihm hielt. Da er nun Angst vor dem Alleinsein hatte, las er ihr jeden Wunsch von den Lippen ab. Krösus liebte seine junge Thailina inzwischen so sehr, dass er beschloss, seine Herzallerliebste zu ehelichen. Traditionsgemäß hielt er bei Thailinas Eltern um ihre Hand an. Als Brautpreis forderten die Eltern natürlich ein stattliches Sümmchen Geld und Goldschmuck, wobei die Höhe dem luxuriösem Standard auf dem Krösus sich bewegte, angepasst wurde.

Alsbald wurde geheiratet.
Die pompöse Feier glich der Eheschließung eines Königs mit einer Königin. Es erschienen viele Gäste und die Braut erhielt von ihrem Bräutigam wundervolle Geschenke. Auch nach der Eheschließung wurde immer mehr und mehr konsumiert. Seine junge Frau verstand es inzwischen, ihren Mann derart zu bezirzen und mit ihren Reizen zu spielen, dass sie immer mehr und mehr von bekam. Unter anderem erhielt sie ein motorisiertes Zweirad und ein Automobil geschenkt, der Familie wurde ein kleines aber schönes Häuschen gebaut und die monatlichen Zahlungen fielen nach und nach immer höher aus, da Thailina nicht mit ansehen konnte, wie sie im Luxus schwelgte und ihre Familie in "bitterster Armut" lebte.

Die Monate vergingen und Krösus bemerkte, dass seine schöne Frau kaum noch bei ihm zuhaue war und immer weniger Zeit für ihn hatte. Als er ihr dann später auch noch freien Zugriff zu seinen Finanzen verschaffte, zog sie es vor, sich nach eigenem Ermessen das zu kaufen, wonach es ihr gelüstete. Ihr Freundeskreis wuchs stetig und sie genoss es, mit ihren Freunden auszugehen, sie einzuladen und im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen.
Sie eröffnete mehrere eigene Geschäfte um die sie sich aber selbst nicht viel kümmerte und deshalb schon bald -wegen der großen Verluste- wieder geschlossen werden mussten. Ihren ärger darüber bekämpfte sie mit exklusiven Einkäufen. Immer häufiger war sie so sehr mit dem Einkauf beschäftigt, dass sie nicht mal mehr die Zeit hatte nachts heimzukehren. Ihren Angaben zufolge, musste sie deshalb bei "guten Freunden" nächtigen. Auch das einfache Haus der Eltern wurde inzwischen gegen ein neues und größeres eingetauscht, denn schließlich sollten auch die Nachbarn von Thailinas Familie sehen, welchen Luxus man sich inzwischen leisten konnte.

Krösus musste tatenlos mit ansehen, wie sein Vermögen sinnlos verbraucht wurde und zu schmelzen begann. Sämtliche Versuche, seine Gemahlin zur Einsicht zu bewegen, scheiterten kläglich. Sie lebte unbeschwert weiter, doch seine Liebe zu ihr war nach wie vor so groß, dass er dem ausschweifenden Leben seiner Frau tatenlos zusah. Vielleicht hatte er auch nur Angst, nach seiner Familie auch noch seine junge Ehefrau zu verlieren. Sie aber gab sich stur und egoistisch, kümmerte sich kaum noch um ihren Mann. Inzwischen war es ihr peinlich, sich mit dem alten Mann auf der Strasse zu zeigen, deshalb vermied sie gemeinsame Unternehmungen so gut es irgend ging. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zunehmend, da die vielen Probleme anfingen an ihm zu zehren. Doch Thailina blieb unbeeindruckt von all dem. Nicht einmal der Umstand, dass er einige seiner exklusiven Güter verkaufte um ihre verlustbringenden Geschäfte und teuren Einkäufe zu finanzieren, ließ sie von ihrer Handlungsweise abhalten. Da seine Kräfte nach und nach schwanden, war er auch nicht mehr in der Lage, sich gegen die fatale Situation zu wehren.
Krösus war viel allein und dachte an die schöne Zeit zurück, als er seine Traumfrau zum ersten Mal traf. Was war nur aus dem süßen, hübschen und bescheidenen Mädchen geworden, das er einst kennen gelernt hatte?

Und wieder war er einsam, allein und traurig. Er wurde krank und kränker und immer schwächer. Eines Tages geschah es dann. Schwerkrank und kraftlos kam er in ein Krankenhaus, aus dem er nicht mehr zurückkehren sollte. Wenige Tage später verstarb er einsam und allein. Noch in den Armen einer ihrer Liebhaber liegend, erfuhr Thailina von seinem Tod.
Kaum, dass er unter der Erde war, begann sie all seinen Besitz aufzulösen und in Bares umzuwandeln. Ihr eigenes Haus hatte sie sich schon lange vorher selbst gebaut, von dem ihr Mann nie etwas erfahren hatte.

Das einst bescheidene und arme Mädchen war inzwischen eine stolze und wohlhabende Frau geworden und eine noch reichere Erbin, die es auch später vorzog, ihr Leben nicht mit Arbeit zu verschwenden.

Und wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie noch heute ......
.....von der hohen Lebensversicherung, die ihr ausgezahlt wurde!

Wirklich nur ein Märchen?

 

© 2002, Wolfgang Payer

Wolfgang Payer betreibt in Pattaya eine Sprachschule, Kochschule und ein Apartmenthaus (nicht nur für seine Schüler). Hier findet ihr Infos zu seinen Deutsch-Sprachkursen (u.a. Start Deutsch 1, A1-Goethe-Test) sowie Thai- und Englischkurse für Deutschsprachige und Thais.

Dieser Beitrag erschien im Original bei www.Thaifrau.de